Der Werkzeugkasten und die Kunst, ihn geschlossen zu lassen
Projektmanagement hat ein Imageproblem, das es sich größtenteils selbst eingebrockt hat: Wer den Begriff hört, denkt an Gantt-Diagramme, die niemand mehr aktualisiert, an Risikomatrizen mit fünfzig Zeilen für ein Projekt mit drei Beteiligten, und an Statusberichte, die mehr Zeit kosten als das eigentliche Arbeiten. Der Werkzeugkasten der klassischen Methodenlehre ist über die Jahrzehnte immer voller geworden — PMBOK, PRINCE2, ISO 21502, dazu die komplette agile Bibliothek. Die eigentliche Kunst liegt längst nicht mehr darin, weitere Werkzeuge hineinzulegen, sondern zu wissen, welche Schublade für dieses eine Projekt geschlossen bleiben darf.
Interessanterweise hat sich sogar die Institution, die traditionell für den dicksten Werkzeugkasten steht, in diese Richtung bewegt. Ende 2025 hat das Project Management Institute die achte Ausgabe seines PMBOK Guide veröffentlicht — nach eigener Aussage die am stärksten datengestützte Überarbeitung der Guide-Geschichte, basierend auf rund 48.000 Praktiker-Datenpunkten. Statt der klassischen Prozessgruppen gibt es nun sechs Kernprinzipien, sieben Performance-Domains und fünf „Focus Areas“ mit bewusst nicht-präskriptiven Prozessen — Tailoring, also die situative Anpassung des Vorgehens an das jeweilige Projekt, ist darin ausdrücklich als eigenes Prinzip verankert. Wenn selbst PMI seinen eigenen Werkzeugkasten offiziell für „bitte nur bei Bedarf öffnen“ erklärt, ist das ein ziemlich deutliches Signal, dass Pragmatismus im Projektmanagement kein Nischenphänomen für unterfinanzierte Start-ups mehr ist, sondern in der Mitte der Profession angekommen.
Was genau „pragmatisches Projektmanagement“ bedeutet, wo es endet und Lean Project Management beginnt, wann der Verzicht auf Methodik zum eigentlichen Risiko wird und wie man trotzdem einem Lenkungsausschuss gegenübertritt, der stur an seinem Gantt-Chart festhält — darum geht es auf den folgenden Seiten.
Pragmatisches Projektmanagement vs. Lean Project Management: Zwei Begriffe, die gern verwechselt werden
In der akademischen Literatur dominieren nach wie vor die großen Frameworks; wer nach fundierter Praxisliteratur zum bewussten Methodenverzicht sucht, wird eher in der Fachliteratur für Praktiker fündig als in Peer-Review-Journalen. Das ist an sich schon bezeichnend: Pragmatismus lässt sich schlecht in ein Zertifizierungsschema pressen, und genau das macht ihn so schwer greifbar — und gleichzeitig so alltagstauglich.