Im vorangegangenen plandoo Paper zur „Brainfry“-Problematik ging es um eine bestimmte Konstellation: Menschen, die KI-Agenten beaufsichtigen, bis die Taktung sie erschöpft. Am Ende jenes Papers stand ein kurzer Exkurs zur Umkehrung – und genau die verdient, wie versprochen, einen eigenen, gründlicheren Blick. Denn während die eine Richtung Menschen kognitiv überfordert, weil sie zu viel kontrollieren müssen, entfremdet die andere Richtung Menschen, weil sie zu wenig kontrollieren dürfen: Immer öfter ist es nicht der Mensch, der die Taktung vorgibt, sondern ein System, dessen Logik er weder versteht noch mitgestalten kann.
Für dieses Gefühl hat die Popkultur in den vergangenen Jahren eine ungewöhnlich präzise Bühne gebaut: die Apple-TV+-Serie „Severance“ (seit 2022, Regie u. a. Ben Stiller). Die Prämisse: Der Megakonzern Lumon Industries lässt seine Angestellten per Gehirnimplantat – freiwillig, wobei „freiwillig“ hier schon die erste Ironie ist – ihr Arbeits-Ich vom Privat-Ich trennen. Das „Innie“ betritt morgens den Aufzug zur „severed floor“ und hat ab diesem Moment keinerlei Erinnerung an sein Leben draußen; das „Outie“ wiederum weiß beim Verlassen des Aufzugs am Abend nichts davon, was am Tag geschehen ist. Beide teilen sich einen Körper, aber keine einzige Erinnerung.
Besonders sprechend für unser Thema ist ein Detail aus der Serie, das leicht untergeht, wenn man sie nur als skurrile Prämisse abtut: die „Overtime Contingency“. Mit diesem Mechanismus kann Lumon das Innie zu Nacht- und Wochenendschichten zwingen, ohne dass das Outie davon erfährt oder zustimmen müsste – der Mensch draußen schläft einfach, während drinnen weitergearbeitet wird. Das ist, in fiktionaler Zuspitzung, ziemlich genau das Kernproblem algorithmischer Arbeitszeitsteuerung: Eine Instanz bestimmt, wann und wie lange gearbeitet wird, ohne dass der Betroffene es mitbekommt, geschweige denn widersprechen kann.
Ein zweites Detail passt ebenfalls erstaunlich genau in unser Thema, auch wenn es auf den ersten Blick nur komisch wirkt: Lumon belohnt gute Leistung der Innies nicht mit Geld – das würde ohnehin an das Outie gehen, das von der Arbeit nichts weiß –, sondern mit einer Handvoll winziger, fast lächerlicher Privilegien wie Waffeln, Musikinstrument-Sessions oder Finger-Traps aus einem Warenautomaten. Es ist eine überzeichnete, aber deshalb nicht weniger treffende Illustration davon, wie leicht sich Anerkennung durch beliebig austauschbare, algorithmisch dosierbare Reize ersetzen lässt, sobald die eigentliche Verbindung zwischen Arbeit und Sinn erst einmal gekappt ist.